Zum Werk
Das vorliegende Bild zeigt ebenfalls eine Plastiktüte; diesmal jedoch nicht in ihrer Funktion als Konsumartikel, sondern eher als Schutzhülle, die über eine Pflanze gestülpt ist und diese nun vor schädlichen Einflüssen bewahrt. Die Pflanze bricht förmlich aus einem mit Eisenplanken beschlagenen Boden hervor; um sie ist Erde gehäuft. Von ihrer Form und ihrem Wachstum her hat sich die Pflanze an ihre Umwelt angepasst. Sie konnte nur durch eine kleine Schadstelle im Eisenboden hervorwachsen und wirkt dadurch wie ein deformierter Trieb, der keinerlei Entfaltungsmöglichkeiten besitzt; die Natur scheint sich demnächst der toten Umwelt untergeordnet zu haben. Im seltsamen Gegensatz zur verfremdeten Landschaft steht der weite, ungetrübte Himmel, der einen beträchtlichen Raum im Gesamtbild einnimmt. Die Darstellung einer fernen Landschaft ist eigentlich ein romantisches Bildmotiv, das Gefühle der Sehnsucht und Naturverbundenheit veranschaulichen soll. Gesteigert wird der Eindruck der Weite durch die bogenförmige Rahmung, die das Bild begrenzt. Der Ausblick ins Offene durch ein Fenster ist ebenfalls ein Charakteristikum romantischer Malerei. Der Blick aus der umschlossenen Geborgenheit in die Entgrenztheit der Natur kann sowohl für das Behütetsein wie für die Sehnsucht stehen, ist aber primär das Verlangen nach Weite: „Und meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus“, heißt es bei Eichendorff. Dadurch, dass Werner Reister durch Bildzitate auf kunsthistorische Vorbilder zurückgreift und gleichzeitig zeitgenössische Landschafts-Verfremdungen zeigt, gibt er dem Betrachter Anlass, über die Veränderung und Veränderbarkeit der Natur nachzudenken.